Liquid-Feedback-Prozess:
Das Piratenkonzept für Unternehmen

von Volker Moser, ECCO Österreich/communication matters, Wien
zuerst erschienen am 29.1.2013 auf comma_bloggt

Die Piraten-Partei in Deutschland hat das Prinzip der „Liquid Democracy” eingeführt, um den Spagat zwischen direkter Basisdemokratie und indirekter Demokratie der Volksvertreter hinzubekommen.

Unter „Liquid Democracy” versteht man eine Mischform zwischen indirekter und direkter Demokratie. Während bei indirekter Demokratie ein Delegierter zur Vertretung der eigenen Interessen bestimmt wird und bei direkter Demokratie alle Interessen selbst wahrgenommen werden müssen, ergibt sich bei Liquid Democracy ein fließender Übergang zwischen direkter und indirekter Demokratie. Jeder Teilnehmer kann selbst entscheiden, wie weit er seine eigenen Interessen wahrnehmen will, oder wie weit er von Anderen vertreten werden möchte. Insbesondere kann der Delegat jederzeit sein dem Delegierten übertragenes Stimmrecht zurückfordern, und muss hierzu nicht bis zu einer neuen Wahlperiode warten. Es ergibt sich somit ein ständig im Fluss befindliches Netzwerk von Delegationen. (Piratenwiki)

Hergen Wöbken, Strategieberater, Ökonom und Philosoph vom Institut für Strategieentwicklung der Universität Witten/Herdecke, hat dieses Konzept nun für die interne Unternehmenskommunikation erforscht.

Das Prinzip:
  • Um die Angestellten zur Partizipation zu motivieren, wird die Anonymität als wesentlicher Aspekt bei der Verwendung von Liquid Feedback erachtet.
  • Jede(r) MitarbeiterIn ist berechtigt, eine Initiative zu starten.
  • Wenn ein Quorum von zehn Prozent der Belegschaft erreicht ist, startet eine Diskussion.
  • Vor der Abstimmung folgt eine Phase des Einfrierens, in der keine Änderungen am Antrag mehr möglich sind.
  • Dann erfolgt eine Abstimmung an der alle MitarbeiterInnen teilnehmen können.
  • Nehmen an der Abstimmung mindestens fünfzig Prozent der in der Themengruppe registrierten Mitarbeiter teil und erhält die Initiative am Ende eine einfache Mehrheit, steht der Vorstand in der Pflicht, sie umzusetzen.
  • Der Vorstand hat, falls es zu sinnlosen Spaßanträgen kommt, ein Vetorecht.
  • Zusätzlich besitzt der Vorstand, da nicht alle MitarbeiterInnen wirklich tiefe Einblicke in die Unternehmensführung haben können, einen gewissen Handlungsspielraum für die operative Umsetzung erfolgreicher Initiativen.

Unternehmen, die Liquid-Feedback-Prozesse bereits anwenden, berichten anfangs von „schleppenden“ Ergebnissen. Ist das Konzept aber erst einmal gelernt, beteiligen sich mittlerweile mehr als 80 Prozent der MitarbeiterInnen. Die Diskussion unter Pseudonymen hat sich etabliert und wird wegen ihrer Offenheit, Direktheit und Schnelligkeit geschätzt. Auch die Angst, dass sich nur abwegige Ideen durchsetzen würden, hat sich in den Vorreiter-Unternehmen nicht bewahrheitet. MitarbeiterInnen honorieren das Vertrauen und setzen sich oft auch mit dem Geschäftsmodell oder anderen Themen auseinander, die klassischerweise in den Aufgabenbereich von Führungskräften fallen.

Liquid-Feedback stellt also eine moderne Möglichkeit der MitarbeiterInnenbeteiligung dar, die die gelernten Prinzipien offener Plattformen, denen die Angestellten im privaten Leben täglich begegnen, auch im Betriebsumfeld umsetzt.
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